
Wie der Name “Cenobio” bereits verrät, wurden die Silos und Hohlräume der Fundstätte fälschlicherweise als “Kloster” bezeichnet, Ort, wo die jungen Mädchen der gehobeneren Kasten bis zum Zeitpunkt ihrer Vermählung von den Harimaguadas, d.h. den gesellschaftlich und religiös einflussreichen Priesterinnen aufgezogen wurden. Der genaue Ursprung dieser Auslegung ist trotz der Jahrhunderte langen Existenz dieser Annahme nicht bekannt. Heute ist diese Interpretation vollständig verworfen und es wird nur noch von einem kollektiven Kornspeicher gesprochen.
In fast allen Büchern über die Geschichte der Kanarischen Inseln vor der Zeit der Eroberung durch die kastilische Krone findet der Cenobio de Valerón Erwähnung. Zum ersten Mal taucht der Cenobio in den archäologischen Schriften des Historikers Agustín Millares Torres von 1875-1900 auf. Bis in die Gegenwart sind seither kontinuierlich Beiträge erschienen, die auf die außerordentliche Bedeutung dieser einzigartigen archäologischen Enklave verweisen. In diesem Zusammenhang soll auf die folgenden Arbeiten verwiesen werden: José Batllori und Lorenzo “El Cenobio de Valerón” 1901; Sebastián Jiménez Sánchez “Silo colectivo prehispánico o Agádir de Valerón” (Prähispanischer kollektiver Kornspeicher oder Agádir de Valerón) 1944; Pedro Hernández Benítez “Cuevas de Valerón: ni cenobio ni granero” (Die Höhlen von Valerón: weder Kloster noch Kornspeicher) 1944; D. Dominik Josef Wölfel: “El ‘cenobio’ de Valerón” 1954; D. Rubén Naranjo et al. “Cenobio de Valerón” aus den 1980er Jahren.
In den Chroniken über die Eroberung wird die Existenz dieser Kornspeicher angedeutet, wie aus den folgenden Texten von Gómez Escudero abzuleiten ist:
“(...) sie verfügten über Schächte, in denen Gerste und Nahrungsmittel verschlossen gehalten wurden, wie der Zehnte der Früchte, der für die Verteilung desselben in den schlechten Jahren aufbewahrt wurde. Sie hatten Silos in den Klippen und dort wurde das Korn gelagert, ohne dass es verdarb, was heute nicht gelingt, ohne dass der Kornkäfer sich schadlos hält.”
“(...) Sie trafen Vorsorge für den Kriegsfall an Proviant, Dingen aller Art, die sie gebrauchten und Röstvorrichtungen, Tongefäße, Handmahlgeräte, d.h. Mühlen, Gerste, Feigen, Schmalz, Speck, gesalzenes Fleisch und andere wichtige Dinge.”
Auch in den Aufzeichnungen von A. Sedeño gibt es wie folgt Andeutungen, die auf die Kenntnis der Existenz der Lagerräume verweisen:
Sie hielten ihre Früchte in den Höhlen der höchsten Klippen verschlossen, da sie dort besser aufgehoben und länger gelagert werden konnten.
Die Vorstellung, dass es sich beim Cenobio de Valerón einst um ein Kloster der Harimaguadas gehandelt haben soll, ist vollstaändig verworfen worden. Nach der derzeitigen Auslegung handelt es sich um einen kollektiven Kornspeicher, der von den Altkanariern in den Fels gegraben und als solcher auch bis zu Eroberung der Insel im 15. Jahrhundert genutzt wurde.
Das älteste bis heute bekannte schriftliche Zeugnis dieser archäologischen Fundstelle reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und wurde vom Historiker Pedro Agustín del Castillo wie folgt festgehalten:

Als ich eines Tages im Verwaltungsbezirk von Guía, welches auch La Dehesa (Die Weide) genannt wurde, unterwegs war, fragte mich einer der zwei Männer, die mich begleiteten und welcher zu den wichtigsten Personen vor Ort zählte, ob ich eines der alten Klöster oder Cenobios besichtigen wolle. Dieses liege auf einem erhöhten abschüssigen Ort über dem Barranco-Tal Valerón. Die beiden Edelmänner führten mich dorthin und der Einstieg gestaltete sich ziemlich gefährlich. Ich muss zugeben, von dem Werk zutiefst beeindruckt gewesen zu sein, welches ohne schmiedeeiserne Werkzeuge in den Fels gegraben war, denn die Ureinwohner der Insel kannten diese nicht. Sie mussten sich scharfer Scheiben aus vulkanischem Gestein bedienen, die sie auf Stöcke aufbanden und als Äxte und Krummhauen verwendeten. Mit diesen bearbeiteten sie auch Holz und spalteten dicke Stämme von Pinien und anderen Bäumen. Von außen aus gesehen hat das Bauwerk die Form eines großen Rundbogens, im Inneren befand sich ein langer tunnelähnlicher Gang von dem aus von beiden Seiten gleichermaßen zahlreiche Höhlen abzweigten; diese waren mit ihren Öffnungen auch übereinander angeordnet. Auf beiden Seiten des Eingangs erhoben sich über dem Abgrund des Barrancos zwei Türmchen, in die man von innen aufsteigen konnte und die mit Fensteröffnungen versehen waren.
Im 19. Jahrhundert besuchte Sabino Berthelot die archäologische Fundstelle und in seinen Berichten dominiert die romantische Sicht dieser Stätte, die diesen Ort als Cenobio bzw. Kloster der altkanarischen Priesterinnen, d.h. der sogenannten Harimaguadas auszeichnet.


Cenobio ist auf den Abhängen der Barranco-Schlucht Valerón (Gran Canaria) gelegen. Der Eingang erinnert an eine riesige Säulenhalle, die einen breiten Weg offen legt, von dem nach beiden Seiten kleine Felsaushöhlungen abzweigen. Pedro del Castillo behauptet, dass jede Höhle über eine Fensteröffnung in Richtung Barranco verfügt und dass sich im vorderen Teil der Höhlenanlage zwei Türme befinden, die über eine Innentreppe bestiegen werden können. Als wir jedoch im Jahr 1827 mit unserem geliebten Freund P.B. Webb die Stätte besuchten, waren vor dem Barranco weder Fensteröffnungen noch Türme mit Treppen zu sehen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts besucht der Anthropologe René Verneau die Fundstätte, beschreibt sie wie folgt:

In den alten Chroniken wird von der Existenz der Zusammenschlüsse der Vestapriesterinnen (Harimaguadas) gesprochen, welche in einer Art von Klöstern im Innern von großen Grotten lebten. Mir wurde eine dieser Höhlen, welche sich in einer bestimmten Höhe über den Felsabhängen befanden, gezeigt. Verschwitzt und müde machte ich eine Fotographie des Höhleninneren. Dieses weist eine Vielzahl von übereinander angeordneten Nischen auf, die von Menschenhand in den Fels gegraben wurden: Einige waren eher klein, andere hatten die Form von Bettnischen, die jedoch zu klein für eine ausgestreckte bzw. liegende erwachsene Person waren. Leider war alles in äußerst schlechtem Zustand und von herumstöbernden Plünderern auf der Suche nach wertvollen Schätzen zerstört worden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird bereits die Idee verworfen, dass es sich bei dieser Stätte um ein einstiges Kloster handelte, und es wird vermutet, dass sie als kollektiver Kornspeicher der Altkanarier diente. Diese Mutmaßung geht auf eine eingehende Untersuchung der Höhlenanlage zurück, der spezifische Eigenschaften, das Speichervolumen der Höhlen, bestimmte Materialen der Fundstätte und ein Vergleich mit anderen, auf der Insel Gran Canaria verstreuten Fundorten bzw. ähnlichen Konstruktionen im Norden Afrikas zu Grunde liegen. Trotz moderner Wissenschaft und des Vorliegens von genauen Beschreibungen, ist es den Archäologen bis heute nicht gelungen genau zu erklären, wie die Verwaltung und der Gebrauch der in diesen Kornkammern gelagerten Güter funktionierte.


Cenobio de Valerón © 2008